Pflege braucht mehr als Applaus

Als examinierter Krankenpfleger sind mir die Bedürfnisse meiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wichtig.

Trotzdem ich schon seit einigen Jahren nicht mehr in diesem Beruf tätig bin, habe ich immer den Kontakt beibehalten und konnte die Entwicklungen der letzten Jahre zum Schlechten hin aus meiner Perspektive sehr gut wahrnehmen.

Als jemand, dem Dialog und Austausch sehr wichtig sind, habe ich mich sehr darüber gefreut, dass meine ehemalige Krankenpflegeschule mich zu einem Online-Austausch mit jungen und sehr engagierten Schüler:innen des Unter- und Oberkurses eingeladen hat.

Ich wollte hautnah erfahren, was gut läuft und wo der Schuh drückt.

Aus dem angesetzten Termin wurden insgesamt drei Stunden der angeregten Diskussion und es kamen für mich auch erstaunliche Schlußfolgerungen heraus.

So geht es den angehenden Pflegkräften nicht unbedingt um mehr Geld (das ist sicherlich ein Aspekt), sondern um die Lösung von strukturellen Problemen, die die Berufsausübung zur Belastung werden lassen.

Ob es nun die überbordende Verwaltungsarbeit ist- mir berichteten mehrere Schüler:innen, dass sie in der Altenpflege teilweise noch fünf(!) verschiedene Akten für einen Bewohner führen müssen – oder die Zeit für eine ganzheitliche Pflege fehlt, weil man sich um berufsfremde Tätigkeiten kümmern müsse.

Auch die Unflexibilität der Dienstpläne wurde bemängelt, obwohl es auch konstruktive Alternativvorschläge gäbe.

Das klingt alles erst einmal nach Kleinigkeiten, aber die Summe macht es aus.

Wer schon einmal in seinem Leben 11 Tage am Stück gearbeitet hat und dann ein Wochenende zur Erholung hatte, weiß was das bedeutet.

Es wurde ebenfalls kritisiert, dass zwar mittlerweile duale Studiengänge angeboten werden. Diese aber eine Sackgasse bilden würden, da kaum Stellen für Absolventen in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen vorhanden seien.

Nicht erst die Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass unser Gesundheitssystem krank ist.

Alleine im vergangenen Jahr haben 9.000 examinierte Pflegekräfte aus Frustration und mangelnder Perspektive der Pflege den Rücken gekehrt.

Um den Kollaps des Gesundheitssystems abzuwenden, brauchen wir gut ausgebildete Fachkräfte. Doch immer mehr Pflegende undTherapeutinnen und Therapeuten steigen aus ihrem Beruf aus. Die Gründe hierfür sind vielfältig:

Fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die hohe körperliche, psychische und soziale Belastung, ständiger Zeitdruck, fehlende Aufstiegschancen und vor allem unangemessene Bezahlung.

Nur wenn wir die Berufe massiv aufwerten, können wir Personalengpässe auf den Stationen in Zukunft abwenden.

Ein Grund für diese desolate Situation ist der steigende wirtschaftliche Druck, der vor allem durch die Einführung der Fallpauschalen (DRGs) zugenommen hat. Seit Einführung der Fallpauschalen tragen die Patientinnen und

Patienten tragen für die jeweiligen Krankenhausverwaltungen oft ein Preisschild um den Hals.

Die Fälle, die sich für die Krankenhäuser wirtschaftlich lohnen, werden bevorzugt behandelt. Die eigentliche Gesundheit gerät dabei schnell außer Acht. Menschen werden früher entlassen – hier gibt es mittlerweile den Begriff der blutigen Entlassung- und Betten

schnellstmöglich neu belegt. Die Arbeitsverdichtung für die einzelne Pflegkraft nimmt zu. Die Personaldecke wurde trotz der Einführung von Personaluntergrenzen in den Krankenhäusern zeitgleich abgebaut.

Folge: Gewinne einfahren zu Lasten der Beschäftigten.

An der Gewinnmaximierung durch Fallpauschalen sind besonders

private Klinikketten interessiert: Im Jahr 2019 erzielte ein privater Klinikbetreiber einen Gewinn von 690 Mio. Euro. Doch bei den Patientinnen und Patienten und dem Personal kommt der Gewinn nicht wirklich an.

Aus meiner Sicht sollten Krankenhausbetreiber in erster Linie nicht die Dividendenausschüttung von Aktionären im Blick haben.

Die Löhne sind niedrig, Tarifverträge längst keine Selbstverständlichkeit und die Arbeitsbelastung hoch, wodurch weniger Zeit für die Behandlung und Pflege ist.

Neben der Versorgung in den Pflegeeinrichtungen und Klinken wird der Fachkräftemangel vor allem in der ambulanten medizinischen Versorgung deutlich.

Besonders stark in ländlichen Regionen. Gerade hier müssen andere Anreizsysteme geschaffen werden.

Fallpauschalen, Gewinnmaximierung, Privatisierung

der Gesundheitsversorgung und Fachkräftemangel – all das geht zu Lasten unserer Gesundheitsversorgung.

Wir müssen die Finanzierung unseres Gesundheitssystems auf andere Säulen stellen und das bedeutet unter anderem, dass wir uns von der privaten Krankenversicherung verabschieden hin zu einer Bürgerversicherung kommen, in die alle solidarisch einzahlen.

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege müssen verbessert werden. Berufsfremde Tätigkeiten müssen durch Pflegeassistenten/innen durchgeführt werden.

Die Ausbildung in der Pflege darf keine Sackgasse sein. Weiterqualifizierung und berufliche Alternativen innerhalb des Systems müssen möglich gemacht werden.

Hierzu gibt es hervorragende Beispiele in anderen Ländern. Wie das Nurse-Practioner-Programm in Irland, das Pflegekräften erlaubt, nach einer Weiterqualifizierung in Notaufnahmen sog. heilkundliche Maßnahmen durchzuführen oder den Hausarzt zu unterstützen.

Weiterhin halte ich es für unabdingbar, dass allgemeingültige Flächentarifverträge eingeführt werden.

Auch die Dokumentation kann durch simple Digitalisierungsmaßnahmen vereinfacht werden.

Die Lösungen sind da. Man muss sie nur kreativ umsetzten.

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